top of page

Polizeikosten bei Hochrisikospielen: Warum der DFB-Beschluss die Fanszenen trifft

11. Sept.
5 Min. Lesezeit

Der Deutsche Fußball-Bund will mögliche Gebühren für zusätzliche Polizeieinsätze bei sogenannten Hochrisikospielen künftig zumindest anteilig an die jeweiligen Heimvereine weiterreichen. Das hat das DFB-Präsidium am Freitag grundsätzlich beschlossen. Aus Sicht aktiver Fans trifft die Entscheidung auf ein Verhältnis zum Verband, das ohnehin seit Jahren von Konflikten über Pyrotechnik, Verbandsstrafen, Gästefanbeschränkungen, personalisierte Tickets und fanunfreundliche Anstoßzeiten geprägt ist.


Der DFB selbst lehnt Gebühren für Polizeieinsätze weiterhin ab. Präsident Bernd Neuendorf argumentiert, dass eine Rechnung weder die Sicherheitslage verbessere noch automatisch zu weniger Polizeikräften führe. Trotzdem reagiert der Verband nun auf die neue Rechtslage: Nachdem das Bundesverfassungsgericht Anfang 2025 die Bremer Gebührenregelung grundsätzlich bestätigt hatte und weitere Länder ähnliche Modelle prüfen, will der DFB solche Kosten nicht dauerhaft selbst tragen.


Für aktive Fans beginnt die Diskussion allerdings deutlich früher als bei der Frage, wer am Ende eine Rechnung bezahlt.


DFB-Polizeikosten bei Hochrisikospielen: Wer entscheidet über die Einstufung?


Genau hier liegt einer der zentralen Kritikpunkte. Der Dachverband der Fanhilfen kritisierte noch im Juni 2026 ausdrücklich die Einstufung von Begegnungen als sogenannte Hochrisikospiele, wenn Vereine und Fanvertretungen aus seiner Sicht nicht ausreichend beteiligt werden. Solche Einstufungen und pauschale Maßnahmen würden Misstrauen eher verstärken als zur Deeskalation beitragen.


Mit dem neuen DFB-Beschluss bekommt diese Frage zusätzlich eine finanzielle Dimension. Denn aus einer sicherheitsbehördlichen Einschätzung kann künftig eine Kette entstehen:

Hochrisikoeinstufung → mehr Polizeikräfte → zusätzlicher Kostenbescheid → Weitergabe an den Heimverein. Gerade weil der betroffene Verein die Einsatzplanung der Polizei nur begrenzt beeinflussen kann, dürfte diese Konstruktion weiter diskutiert werden.


Die Kritik an großen Polizeiaufgeboten ist in Fankreisen ohnehin nicht neu. Der Dachverband der Fanhilfen dokumentierte in seinem Saisonbericht 2025/26 nach eigener Bewertung so viele Fälle unverhältnismäßiger Polizeimaßnahmen wie nie zuvor in einem seiner Berichte. Der Verband fordert seit Jahren eine andere Einsatzphilosophie und eine stärkere Einbindung der Fans. Diese Einordnung ist ausdrücklich die Position der Fanhilfen – sie erklärt aber, auf welchen Boden die aktuelle Polizeikosten-Debatte fällt. 🔗 Dachverband Fanhilfen


DFB-Polizeikosten bei Hochrisikospielen: Was könnte sich für Fans ändern?


Gleichzeitig besitzt der DFB ein eigenes sportgerichtliches System. Vereine können für das Verhalten ihrer Anhänger unabhängig davon sanktioniert werden, ob den Verein selbst ein unmittelbares Verschulden trifft.


Das betrifft besonders Pyrotechnik. Der DFB arbeitet mit einem Strafzumessungsleitfaden, der für bestimmte Vergehen je nach Liga festgelegte Ausgangswerte vorsieht. Im Sommer 2026 wurde dieser Leitfaden erneut geändert: Strafen für besonders gefährliche Pyrotechnik wie Böller, Raketen oder geworfene pyrotechnische Gegenstände wurden deutlich erhöht. Für andere Formen wie in der Hand gehaltene Bengalfackeln wurden die Beträge dagegen leicht reduziert. 🔗 Deutscher Fußball-Bund


Der DFB begründet das mit unterschiedlichen Gefährdungspotenzialen und dem präventiven Charakter der Sanktionen. Innerhalb der aktiven Fanszenen werden solche Verbandsstrafen jedoch seit Jahren grundsätzlich diskutiert. Besonders umstritten ist, dass zunächst der Verein für ein Verhalten innerhalb seiner Anhängerschaft sanktioniert wird und anschließend unter Umständen versucht, Teile dieser Summe bei identifizierten Fans zurückzufordern.


Der Dachverband der Fanhilfen kritisiert genau diese Praxis scharf und spricht bei der Weitergabe von DFB-Sanktionen an Einzelpersonen von einer zusätzlichen Bestrafung neben möglichen strafrechtlichen Konsequenzen. 🔗 Dachverband Fanhilfen


Von einer staatlichen „Paralleljustiz“ sollte man juristisch zwar nicht sprechen: Das DFB-Sportgericht ist eine Verbandsgerichtsbarkeit innerhalb des organisierten Fußballs. Aus Fansicht entsteht trotzdem das Gefühl eines zweiten Sanktionssystems neben Polizei, Staatsanwaltschaft und ordentlichen Gerichten.


Wenn Verbandsstrafen ganze Kurven treffen


Es geht dabei längst nicht ausschließlich um Geld. Das DFB-Sportgericht kann unter anderem Platzsperren, Zuschauerteilausschlüsse und weitere Auflagen verhängen. Der Verband selbst führt diese Möglichkeiten ausdrücklich in seiner Rechtsordnung auf. 🔗 Deutscher Fußball-Bund


Ein aktuelles Beispiel ist Dynamo Dresden. Nach den Vorfällen beim Heimspiel gegen Hertha BSC im April 2026 verhängte der DFB unter anderem die Schließung des K-Blocks. Für künftige direkte Duelle beider Vereine wurde darüber hinaus angeordnet, dass jeweils nur die Hälfte des zulässigen Gästekontingents abgegeben werden darf. Die Tickets müssen personalisiert werden und die Vereine zusätzliche eigene Ordnungskräfte einsetzen. 🔗 Deutscher Fußball-Bund


Aus Verbandssicht sind solche Maßnahmen Sicherheitsauflagen als Reaktion auf konkrete schwere Vorfälle. Aus Sicht vieler Fans liegt das Problem darin, dass sie kollektiv wirken: Auch Zuschauer, denen persönlich keinerlei Fehlverhalten vorgeworfen wird, verlieren ihren Platz oder können ein Auswärtsspiel nicht besuchen. Genau an diesem Punkt entzündet sich seit Jahren die Kritik an sogenannten Kollektivstrafen.


Personalisierte Tickets: Kontrolle statt freier Auswärtsfahrt?


Die Personalisierung von Eintrittskarten ist inzwischen eines der sensibelsten fanpolitischen Themen überhaupt. Die DFB-Ticketbedingungen erlauben in besonderen Fällen ausdrücklich eine sogenannte harte Personalisierung. Dann werden die Daten jedes einzelnen Ticketinhabers erfasst und eine Weitergabe des Tickets erheblich eingeschränkt. 🔗 Deutscher Fußball-Bund


Parallel diskutieren Innenminister seit Jahren über weitergehende verpflichtende Personalisierung, mehr Stadionverbote und zusätzliche Überwachungssysteme. Der Dachverband der Fanhilfen zählt personalisierte Tickets deshalb zu den Maßnahmen, die er entschieden ablehnt. Im November 2025 demonstrierten nach Angaben des Verbands mehr als 20.000 Fans aus über 50 Vereinen in Leipzig gegen entsprechende Pläne der Innenministerkonferenz. 🔗 Dachverband Fanhilfen


Die Kritik dahinter: Eine Maßnahme gegen einzelne Straftäter dürfe nicht dazu führen, dass zehntausende Auswärtsfahrer generell ihre persönlichen Daten hinterlegen müssen.


Fanunfreundliche Anstoßzeiten: ein alter Konflikt


Auch abseits der Sicherheitspolitik ist das Verhältnis zwischen Verband und Kurven belastet.

Der DFB räumt selbst ein, dass Stadionfans frühzeitige Terminierungen und fanfreundliche Anstoßzeiten fordern und sich teilweise vor allem als Sicherheitsrisiko wahrgenommen fühlen. In der Vergangenheit haben Fanorganisationen deshalb sogar Dialogstrukturen des Verbands verlassen. 🔗 Deutscher Fußball-Bund


Besonders deutlich wurde der Konflikt bei der Einführung von Montagsspielen in der 3. Liga. Unsere Kurve kritisierte damals sowohl die zusätzliche Zerstückelung des Spieltags als auch die mangelnde Einbeziehung der Fanvertretungen. 🔗 Unsere Kurve


Montagsspiele sind inzwischen Geschichte. Das strukturelle Problem bleibt aber bestehen.

Der DFB erklärt selbst, dass die zeitgenauen Ansetzungen der 3. Liga nicht nur von TV-Verträgen bestimmt werden. Vorgaben der Sicherheitsbehörden haben maßgeblichen und teilweise bindenden Einfluss. Dabei werden beispielsweise Reisewege rivalisierender Fans, parallele Veranstaltungen und andere Spiele berücksichtigt. 🔗 Deutscher Fußball-Bund


Für Auswärtsfahrer kann das bedeuten: Freitagabend hunderte Kilometer quer durch Deutschland, Sonntagmittag lange Rückreisen oder Wochenspieltage mitten in der Arbeitswoche. Aus der Perspektive der Kurven ergibt sich deshalb ein wiederkehrendes Muster: Entscheidungen werden mit Sicherheit, Vermarktung oder organisatorischen Zwängen begründet – die praktischen Folgen tragen häufig diejenigen, die ihrer Mannschaft tatsächlich hinterherfahren.


Der DFB sucht den Dialog – das Misstrauen bleibt


Zur vollständigen Einordnung gehört auch die andere Seite. Der DFB hat in den vergangenen Jahren seine Fandialog-Strukturen ausgebaut. Es gibt inzwischen eine Kommission Fans und Fankulturen, einen Verband-Fan-Dialog und lokale Dialogformate. Der Verband verweist außerdem darauf, dass über diese Strukturen bereits Verbesserungen etwa bei Fanutensilien und der Transparenz der Sportgerichtsbarkeit erreicht worden seien. 🔗 Deutscher Fußball-Bund


Auch bei Stadionverboten hat der DFB 2026 seine Richtlinien überarbeitet und eine zentrale Aufsichts- und Überprüfungsstelle geschaffen. Ziel seien mehr Einheitlichkeit, Transparenz und Fairness. 🔗 Deutscher Fußball-Bund


Das Grundproblem bleibt dennoch bestehen: Ein erheblicher Teil der organisierten Fans zweifelt daran, dass seine Position bei entscheidenden Fragen tatsächlich genügend Gewicht besitzt. Wenn ein Dialog geführt wird, anschließend aber bei Ticketpersonalisierung, Sicherheitsauflagen, Verbandsstrafen oder Terminierungen Entscheidungen getroffen werden, die den Interessen der aktiven Fans widersprechen, wächst dieses Misstrauen weiter.


Polizeikosten werden damit Teil eines viel größeren Konflikts


Genau deshalb ist der Beschluss vom Freitag nicht nur eine Finanzmeldung. Er fügt einer bereits langen Liste von Konfliktfeldern eine neue Ebene hinzu.


Pyrotechnik wird sportgerichtlich sanktioniert. Ganze Blöcke können geschlossen werden. Gästekontingente können reduziert und Tickets personalisiert werden. Sicherheitsbehörden beeinflussen Spieltermine und Einsatzkonzepte. Und künftig können aus der Einstufung eines Hochrisikospiels zusätzlich erhebliche Kosten für den Heimverein entstehen.


Der DFB betont selbst, diese Polizeigebühren eigentlich abzulehnen. Trotzdem schafft er nun einen Mechanismus, mit dem die finanziellen Folgen an die Vereine weitergereicht werden. Für die aktiven Fanszenen dürfte deshalb weniger die Frage interessant sein, wer die Rechnung zunächst bekommt.


Entscheidender ist: Welche Konsequenzen entstehen daraus anschließend für die Kurven?

Steigt der Druck auf Vereine, zusätzliche Kontrollen durchzusetzen? Werden Gästekontingente schneller reduziert? Verschärfen sich Sicherheitskonzepte? Oder führt die finanzielle Beteiligung im Gegenteil dazu, dass Vereine künftig stärker hinterfragen, ob immer größere Polizeiaufgebote tatsächlich erforderlich sind?


Genau dort könnte jetzt die eigentliche Debatte beginnen...

Kommentare


bottom of page