Fanszene bricht Dialog mit Hannover 96 ab – und der Streit um den Zwinger eskaliert

Bei Hannover 96 ist der nächste Versuch eines institutionalisierten Dialogs zwischen Club und Fanszene gescheitert. Nur wenige Monate nach dem Start eines neuen Fangremiums hat die aktive Fanszene ihre Teilnahme mit sofortiger Wirkung beendet. Sie wirft den Verantwortlichen vor, auf konkrete Forderungen nicht eingegangen zu sein und bezeichnet bisherige Zusagen als „Lippenbekenntnisse“. Parallel verschärft sich der Konflikt um den Zwinger, einen wichtigen Treffpunkt der Fanszene am Stadion.
Was andernorts zunächst nach einem Streit um Tageskassen, Bargeld, Stehplätze oder Catering klingt, besitzt in Hannover eine andere Dimension. Das Verhältnis zwischen der aktiven Fanszene und den Verantwortlichen um Martin Kind ist seit Jahrzehnten von Auseinandersetzungen geprägt. Schon 2013 beendeten organisierte Fans einen Dialog mit Hannover 96. Später verließen Ultras zeitweise sogar die Spiele der Profimannschaft. Es folgten der große Konflikt um 50+1, Stimmungsboykotte und ein vereinsinterner Machtkampf. 2026 sollte ein neuer Anlauf das Verhältnis verbessern. Nach nur drei Treffen ist auch dieser Versuch vorerst beendet.
Fanszene Hannover verlässt neues Dialogformat
Im April hatte Hannover 96 Vertreter der aktiven Fanszene sowie unorganisierte Fans von Süd- und Westtribüne zu einem neuen Dialogformat eingeladen. Dass die Fans überhaupt teilnahmen, war angesichts der Vorgeschichte keine Selbstverständlichkeit. In ihrer jetzigen Erklärung verweist die aktive Fanszene ausdrücklich darauf, dass vergleichbare Formate in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach gescheitert seien.
Schon beim ersten Treffen entstand nach Darstellung der Fanvertreter Misstrauen. Die Clubseite habe die Gründung des neuen Gremiums unmittelbar öffentlich kommunizieren und eine Art Satzung veröffentlichen wollen – noch bevor inhaltlich gearbeitet worden sei. Die Fanvertreter lehnten die vorgeschlagene Vorgehensweise und mehrere Punkte der Satzung ab.
Beim zweiten Treffen im Mai legten sie einen umfangreichen Forderungskatalog vor. Dazu gehörten die Öffnung von Tageskassen, mindestens eine Möglichkeit zur Barzahlung in jedem Tribünenbereich, Testspiele mit Zuschauern, eine Erweiterung der Stehplätze im Nord-Oberrang, die Öffnung beziehungsweise der Rückbau des Zauns zwischen Nord- und Westbereich, gedruckte Eintrittskarten als Alternative zum digitalen Ticket, Veränderungen beim Catering und eine Erweiterung der Begegnungsstätte Zwinger.
Bis zum dritten Treffen am 8. September habe Hannover 96 nach Darstellung der Fanszene zu keinem dieser ersten Verbesserungspunkte einen Lösungsvorschlag oder Kompromiss präsentiert. Die Konsequenz folgte einen Tag später:
„In Anbetracht dieser ernüchternden Tatsachen […] verlassen [wir] das Dialogformat mit sofortiger Wirkung.“
Für zukünftige Gespräche fordert die Fanszene zunächst „eine wesentliche Verbesserung“ bei mehreren der angesprochenen Themen. Ihre Bewertung der bisherigen Zusammenarbeit fällt deutlich aus:
„Bisherige Zusagen zu besagten Themen waren ausnahmslos Lippenbekenntnisse.“
Streit um den Zwinger verschärft die Situation
Parallel zum abgebrochenen Dialog ist ein weiterer Konflikt entstanden. Dabei geht es um den Zwinger am Stadion, der seit Jahren als Begegnungsstätte und Treffpunkt der Fanszene dient.
Die aktive Fanszene hat Hannover 96 nun aufgefordert mitzuteilen, „ob und zu wann“ die Begegnungsstätte geräumt werden soll. Sie sieht nach eigenen Angaben aufgrund von Zugeständnissen in den vergangenen Spielzeiten keinen Anlass für eine Eskalation und wirft der Clubführung um Martin Kind vor, diese medial zu initiieren.
Hintergrund ist eine erneute Debatte um Pyrotechnik und Sicherheitsmaßnahmen. In der lokalen Berichterstattung wird der Verdacht thematisiert, dass der Zwinger zur Lagerung von Pyrotechnik genutzt werden könnte. Ein entsprechender Nachweis ist damit nicht verbunden. Niedersachsens Innenministerin Daniela Behrens bezeichnete den Ort gegenüber der „Neuen Presse“ als Sicherheitsrisiko. (📎 Radio Hannover: Keine Gespräche mehr – Fanszene enttäuscht von 96)

Für die aktive Szene geht es dabei um mehr als eine einzelne Räumlichkeit. Im Podcast „96. Minute“ erklärte Stefan Riedel stellvertretend für die aktive Fanszene die Hintergründe des Dialogabbruchs und die Bedeutung des Zwingers. Die Fanszene verweist darauf, dass Fanmaterial und Choreografien bereits kontrolliert würden und es rund um den Bereich umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen gebe. Vor diesem Hintergrund hält sie die gegenwärtige Diskussion um die Begegnungsstätte für nicht nachvollziehbar. (📎 96. Minute: „Unsere Liebe steht!“)
Der Streit trifft damit einen Ort, der für die organisierte Fankultur von Hannover 96 eine besondere Bedeutung besitzt.
Schon 2013 endete der Dialog in der „Einbahnstraße“
Vor allem aber erinnert die aktuelle Entwicklung an einen Konflikt, der mehr als ein Jahrzehnt zurückliegt. Bereits im Februar 2013 stellte die damalige Rote Kurve ihre Teilnahme an der Fanrunde ein. Der Supporters Club verwies damals auf Auseinandersetzungen um Pyrotechnik, Sanktionen und den Umgang der Verantwortlichen mit der organisierten Fanszene.
Auch damals war Martin Kind zentraler Adressat der Kritik. Die Rote Kurve erinnerte sogar daran, bereits im Frühjahr 2007 ähnliche Diskussionen mit ihm geführt zu haben. Ihre damalige Schlussfolgerung klingt aus heutiger Sicht bemerkenswert vertraut: Der Dialog mit den Verantwortlichen von Hannover 96 sei in eine „Einbahnstraße“ gelaufen. Vorstand und Beirat stellten deshalb die Gespräche ein.
2013 sprach die organisierte Fanszene von einer „Einbahnstraße“. 2026 bezeichnet sie Zusagen als „Lippenbekenntnisse“. Mehr als 13 Jahre liegen zwischen beiden Erklärungen. Das Grundproblem wird von der Fanszene nahezu identisch beschrieben: Sie sieht keine belastbare Gesprächsbasis mehr.
Ultras von Hannover 96 verließen zeitweise die Profispiele
Nach dem damaligen Dialogabbruch beruhigte sich die Situation nicht. Die Auseinandersetzungen um Sicherheitsmaßnahmen, Pyrotechnik und den Umgang mit der aktiven Fanszene verschärften sich weiter. Einen Höhepunkt bildete das Derby bei Eintracht Braunschweig im April 2014. Die Karten wurden unter besonderen Bedingungen vergeben, personenbezogene Daten spielten bei der Ticketvergabe eine zentrale Rolle und die Anreise wurde stark reglementiert.
Zur Saison 2014/15 zogen sich große Teile der organisierten Fanszene schließlich aus dem Bundesligastadion zurück. Statt die Profimannschaft wie gewohnt zu unterstützen, begleiteten Teile der Ultras die zweite Mannschaft von Hannover 96 in der Regionalliga Nord. Damit wurde der Konflikt bundesweit sichtbar: Während die Profis in der Bundesliga spielten, stand ein erheblicher Teil der organisierten Fanszene bei Spielen der U23.
Im Verlauf der Saison kehrten die Ultras schließlich wieder in die Nordkurve zurück. Das grundlegende Verhältnis zu den Verantwortlichen blieb jedoch angespannt.
Martin Kind und 50+1: Der Konflikt erreicht seine nächste Stufe
Wenige Jahre später wurde aus dem Streit zwischen Fanszene und Clubführung eine grundsätzliche Auseinandersetzung um die Struktur des deutschen Profifußballs. Martin Kind wollte die Kontrolle über die für den Profifußball maßgebliche Managementgesellschaft übernehmen. Hannover 96 und Kind beantragten 2017 bei der DFL eine Ausnahme von der 50+1-Regel.
Für weite Teile der aktiven Fanszene war damit eine rote Linie erreicht. Die Nordkurve protestierte massiv gegen die Pläne. „Kind muss weg“ wurde über Jahre zu einem der bekanntesten Rufe aus Hannover. In der Saison 2017/18 verzichtete die organisierte Fanszene über weite Strecken auf den gewohnten Support der Mannschaft. Der Konflikt verlief dabei längst nicht mehr nur zwischen Fanszene und Führung. Im Stadion standen sich zeitweise auch unterschiedliche Teile der Anhängerschaft gegenüber. Kind selbst verschärfte die Auseinandersetzung mit öffentlichen Aussagen. Über die Ultras sagte er 2017:
„Ich will sie nicht im Stadion haben. Wir brauchen sie nicht.“
Der Versuch, die Ausnahme von 50+1 zu erhalten, scheiterte schließlich. Im Juli 2018 lehnte das Präsidium der DFL den Antrag von Hannover 96 und Martin Kind einstimmig ab. Nach Auffassung der DFL erfüllte Kinds finanzielles Engagement nicht das erforderliche Kriterium der „erheblichen Förderung“. (📎 DFL: Antrag von Hannover 96 und Martin Kind auf Ausnahme von 50+1 abgelehnt)
Der Protest verlagerte sich von der Nordkurve in den Verein
Der Widerstand gegen die Entwicklung von Hannover 96 beschränkte sich allerdings nicht auf Spruchbänder und Stimmungsboykotte. Mitglieder organisierten sich auch innerhalb des e.V. und versuchten, Einfluss auf dessen Gremien zu nehmen. Bei der Mitgliederversammlung im März 2019 kam es schließlich zu einem deutlichen Machtwechsel.
Alle fünf Kandidaten der unter dem Motto „Vorwärts nach weit“ angetretenen Gruppe wurden in den Aufsichtsrat gewählt. Martin Kind hatte zuvor bereits angekündigt, anschließend nicht mehr für ein Vorstandsamt im e.V. zur Verfügung zu stehen. Auch Vorstand und damaliger Aufsichtsrat wurden von den Mitgliedern nicht entlastet. (📎 Hannover 96: Neuer Aufsichtsrat um Carsten Linke gewählt)
Die jahrelange Auseinandersetzung hatte sich damit endgültig von der Tribüne bis in die Vereinsstrukturen verlagert. Dass der strukturelle Konflikt damit nicht beendet war, zeigte sich später erneut. 2022 beschloss der e.V., Martin Kind als Geschäftsführer der Hannover 96 Management GmbH abzuberufen. Der gesellschaftsrechtliche Streit beschäftigte anschließend die Gerichte und erreichte schließlich den Bundesgerichtshof. (📎 Bundesgerichtshof: Abberufung von Martin Kind als Geschäftsführer der Hannover 96 Management GmbH)
Hannover 96 und seine Fanszene: Wieder am gleichen Punkt?
Vor diesem Hintergrund bekommt der aktuelle Dialogabbruch eine andere Bedeutung.
Die einzelnen Forderungen der Fanszene sind zunächst konkrete Fragen des Stadionalltags: Bargeld, Tageskassen, Stehplätze, Tickets, Catering, Testspiele und ein größerer Zwinger. Doch dahinter steht eine jahrzehntelange Geschichte gegenseitigen Misstrauens.
Bereits 2013 stellte die organisierte Fanszene einen Dialog ein. 2014 zogen sich Ultras aus dem Niedersachsenstadion zurück. Ab 2017 wurde der Kampf um 50+1 zu einem bundesweit beachteten Konflikt. 2019 veränderten die Mitglieder die Machtverhältnisse im Mutterverein. Im Frühjahr 2026 saßen Vertreter der Fanszene trotzdem wieder mit Hannover 96 an einem Tisch. Fünf Monate später ist auch dieser Versuch gescheitert.
Die aktive Fanszene lässt in ihrer Erklärung zwar ausdrücklich die Tür für einen zukünftigen Dialog offen. Die Voraussetzungen dafür formuliert sie allerdings unmissverständlich: Erst müssten bei mehreren Fanthemen tatsächliche Verbesserungen erkennbar sein. Der nächste Schritt liegt damit bei Hannover 96.
Und ausgerechnet die Zukunft des Zwingers könnte nun zeigen, ob sich der seit Jahrzehnten wiederkehrende Konflikt erneut verschärft – oder ob Club und Fanszene doch noch einen Weg zurück an einen gemeinsamen Tisch finden.




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