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Karawane Cannstatt auf dem Prüfstand: Ultras des VfB Stuttgart warnen vor „Konsumhaltung“

vor 2 Tagen
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 14 Stunden

Karawane Cannstatt in Stuttgart
Karawane Cannstatt 2027. Foto: @timo0711


Seit 20 Jahren gehört die Karawane Cannstatt zum Saisonauftakt der Fans und Ultras des VfB Stuttgart. Aus einigen Hundert Teilnehmern wurden über die Jahre Tausende, inzwischen spricht das Commando Cannstatt 97 sogar von Zehntausenden, die der traditionelle Marsch zum ersten Heimspiel anzieht. Doch ausgerechnet nach dem Jubiläum schlägt eine der prägenden Ultràgruppen des VfB Alarm: Zuschauer am Straßenrand, Selfies vor dem Frontbanner und permanente Handyaufnahmen gefährden aus Sicht von CC97 inzwischen den Charakter der Karawane. Für 2027 soll deshalb grundsätzlich beraten werden, wie es weitergeht. (📎 Commando Cannstatt 97: „Quo Vadis, Karawane Cannstatt?“)


Ultras des VfB Stuttgart kritisieren Entwicklung der Karawane Cannstatt


„So kann und wird es nicht weitergehen“, schreibt das Commando Cannstatt in seiner am Dienstag veröffentlichten Stellungnahme. Die Ultras beobachten demnach eine zunehmende Entwicklung vom gemeinsamen Fanmarsch hin zu einem Ereignis, das von Teilen des Publikums nur noch konsumiert werde.


CC97 beschreibt Menschen, die sich am Straßenrand positionieren und darauf warten, dass ihnen etwas geboten wird. Andere würden auf die Straße drängen, um vor dem Frontbanner ein Selfie für die eigene Story aufzunehmen. Besonders deutlich fällt die Kritik an Personen aus, die mit dem Handy am Rand stehen und die vorbeiziehenden Teilnehmer filmen. CC97 vergleicht dieses Verhalten drastisch mit dem Beobachten von „Tieren im Zoo“. (📎 Commando Cannstatt 97)


Für die Gruppe geht es dabei nicht um ein paar störende Smartphones. Hinter der Kritik steht eine grundsätzlichere Frage: Wer ist aktiver Bestandteil einer Fanszene und wer möchte deren Aktionen lediglich beobachten und konsumieren?


Auch Journalisten geraten in die Kritik


Die Kritik beschränkt sich nicht nur auf VfB-Fans. Auch Medienvertreter bekommen ihr Fett weg. Die Brücke an der Schleyer-Halle sei bereits vor Jahren für Schaulustige gesperrt worden. Inzwischen erhielten dort Journalisten Zugang und konkurrierten um geeignete Positionen für ihre Bilder.


CC97 schildert zudem einen Konflikt mit Medienvertretern, die Platz für Vorsänger und Trommler machen sollten. Die Gruppe zieht einen Vergleich zum Stadion: Dort könne sich ein Fotograf schließlich ebenfalls nicht einfach in den Mittelkreis stellen, nur weil von dort die besten Bilder möglich wären. (📎 Commando Cannstatt 97)


Damit richtet sich die Stellungnahme auch gegen eine Entwicklung, die weit über Stuttgart hinaus zu beobachten ist: Aktive Fankultur erzeugt Bilder, die sich in sozialen Netzwerken enorm verbreiten. Je spektakulärer eine Aktion wird, desto mehr Menschen wollen sie filmen, fotografieren oder selbst zum Bestandteil dieser Bilder werden.


Aus einigen Hundert wurden Zehntausende


Gerade bei der Karawane Cannstatt zeigt sich dieser Wandel besonders deutlich. 2006 fand der Marsch erstmals hinter der Heimfahne des Commando Cannstatt statt. Nach Darstellung von CC97 liefen damals lediglich einige Hundert VfB-Fans über den Wasenparkplatz. Die ursprüngliche Idee sei gewesen, Begeisterung und Lautstärke der Kurve aus dem Stadion auf die Straßen Bad Cannstatts zu tragen. Als Vorbild hielt der Fanmarsch der niederländischen Nationalmannschaft während der Weltmeisterschaft 2006 her.


Foto der 1. Karawane Cannstatt am 12.08.2006 gegen den 1. FC Nürnberg. Quelle: cc97.de


Zwanzig Jahre später sind die Dimensionen völlig andere. CC97 spricht inzwischen von Zehntausenden Menschen, die die Karawane anzieht. Der VfB Stuttgart selbst führt den Marsch längst selbstverständlich in seinen offiziellen Besucherinformationen zum ersten Heimspiel auf. In diesem Jahr startete die Karawane am Cannstatt Carré und führte über Daimler- und Mercedesstraße zum Neckarstadion. Der Aufruf der organisierten Fanszene lautete traditionell: „Alle in Weiß“. (📎 VfB Stuttgart: Besucherinfos zum ersten Heimspiel)


Aus einer Aktion von wenigen Hundert Fans ist damit eine der sichtbarsten Traditionen der Stuttgarter Fanszene geworden. Und genau der enorme Erfolg scheint inzwischen Teil des Problems zu sein.


Die Karawane Cannstatt war immer mehr als ein Fanmarsch


Über die Jahre nutzte die Cannstatter Kurve die Karawane auch immer wieder für fanpolitische Botschaften. 2017 stand sie unter dem Motto „Den Fans gehört das Spiel!“. Die Fanszene kritisierte damals unter anderem die Zerstückelung der Spieltage und die zunehmende Kommerzialisierung des Profifußballs. (📎 Zeitungsverlag Waiblingen: „Karawane Cannstatt vor dem ersten Heimspiel“)


Ein Jahr später rückte die 50+1-Regel in den Mittelpunkt. Unter dem Motto „Unverhandelbar: 50+1 bleibt!“ zogen erneut Tausende VfB-Fans durch Bad Cannstatt. Schon damals kam es zu einem Konflikt darüber, wie die Karawane öffentlich verwertet wird: Das Commando Cannstatt kritisierte den VfB, nachdem der Verein ein Foto des Marsches in sozialen Netzwerken mit Werbung für Fanartikel verbunden hatte. Die Ultras stellten klar, dass die Karawane für sie kein Marketinginstrument, sondern Ausdruck der Cannstatter Kurve und ihrer Haltung zum Profifußball sei. (📎 Zeitungsverlag Waiblingen: VfB-Fans protestieren für 50+1)


Die heutige Auseinandersetzung um Smartphones, Selfies und Zuschauer knüpft damit an eine ältere Grundfrage an: Wem gehört eine von der Fanszene geschaffene Veranstaltung und wie weit lässt sich kontrollieren, was andere anschließend daraus machen?


Karawane Cannstatt 2026
Karawane Cannstatt 2026. Foto: @timo.0711

Wenn Fankultur selbst zum Content wird


Die Stellungnahme aus Stuttgart trifft damit einen Konflikt, der inzwischen in vielen Fanszenen eine Rolle spielt. Bilder von Choreografien, Pyroshows oder großen Märschen verbreiten sich innerhalb weniger Minuten über Instagram, TikTok und andere Plattformen.


Gleichzeitig beruht aktive Fankultur gerade darauf, selbst mitzugestalten statt lediglich zuzuschauen. CC97 formuliert diese Trennlinie am Ende seiner Stellungnahme selbst. Jeder Einzelne solle sich fragen, welchen Beitrag er zur eigenen Fanszene leiste und ob er aktiv mitgestalte oder lediglich mit dem Handy danebenstehe.


Wie geht es mit der Karawane Cannstatt 2027 weiter?


Ein Ende der Karawane Cannstatt hat das Commando Cannstatt nicht angekündigt. Von einer Absage für 2027 kann deshalb keine Rede sein.


Die Aussage der Ultras ist dennoch deutlich. Die derzeitigen Zustände nähmen gerade jenen Menschen die Motivation, die Woche für Woche Zeit und Arbeit in die Fanszene investieren. Man werde nicht dabei zusehen, wie eine der stärksten eigenen Traditionen durch „Konsumhaltung und Rücksichtslosigkeit“ beschädigt werde.


Künftig werde die Gruppe die Entwicklung deshalb mit etwas Abstand reflektieren und gemeinsam beraten, wie die Karawane Cannstatt 2027 gestaltet werden soll. Nach 20 Jahren steht damit nicht zwangsläufig die Karawane selbst infrage. Sehr wohl aber die Frage, wie aus Zehntausenden Zuschauern und Teilnehmern wieder das werden kann, was CC97 von Anfang an darin sehen wollte: einen gemeinsamen Marsch der Cannstatter Kurve.

📸 Weitere Fotos und Videos findet ihr auf dem Blog von Timo

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