Boykott gegen Kollektivstrafe: Ostkurve Hertha BSC bleibt Dresden fern

#SGDBSC Wenn Dynamo Dresden und Hertha BSC am Samstagabend erneut aufeinandertreffen, wird ausgerechnet bei einem der brisantesten Spiele der 2. Bundesliga ein wesentlicher Teil fehlen: die organisierte Unterstützung aus der Ostkurve Hertha BSC.
Die aktive Fanszene von Hertha BSC boykottiert das Auswärtsspiel im Rudolf-Harbig-Stadion. Grund sind die Konsequenzen, die der DFB nach den massiven Auseinandersetzungen beim letzten Aufeinandertreffen im April verhängt hat. Für die kommenden beiden direkten Duelle wird das Gästekontingent halbiert, sämtliche Gästekarten müssen personalisiert werden.
Für die Ostkurve ist damit eine Grenze überschritten. „Kollektivstrafen lösen keine Probleme und verfehlen somit ihren Zweck“, heißt es in der gemeinsamen Stellungnahme. Unter der Überschrift „Gemeinschaft statt Kollektivstrafe!“ fordert die aktive Fanszene alle Herthaner ausdrücklich dazu auf, keine Eintrittskarten für Dresden zu kaufen. (📎 Harlekins Berlin '98: „Gemeinschaft statt Kollektivstrafe!“)
Ostkurve Hertha BSC boykottiert – und die Tickets bleiben liegen
Wie geschlossen der Aufruf tatsächlich befolgt wird, lässt sich bislang nicht abschließend beziffern. Ein deutliches Indiz gibt es allerdings: Noch zu Beginn der Woche waren Stehplatzkarten für den Gästeblock erhältlich.
Das ist bei dieser Begegnung außergewöhnlich. Beim letzten Gastspiel in Dresden im April war das Hertha-Kontingent innerhalb kürzester Zeit vergriffen. Diesmal verkauft Hertha ausschließlich an Mitglieder, ein freier Verkauf ist nicht vorgesehen. Erhältlich sind ausschließlich Hardtickets. Auf jedem Ticket muss der tatsächliche Besucher namentlich hinterlegt werden; am Stadion soll ein Abgleich mit dem Personalausweis erfolgen. Eine nachträgliche Änderung des Namens ist nicht möglich. (📎 Hertha BSC: Ticketinformationen für Dresden)
Der rbb berichtete am Montag ebenfalls noch von verfügbaren Stehplatzkarten und wertete dies als Hinweis darauf, dass der Boykottaufruf innerhalb der Hertha-Anhängerschaft Wirkung zeigt. (📎 rbb: Hertha reist ohne Ultras nach Dresden)
Während einzelne Hertha-Fans dennoch nach Dresden fahren dürften, werden die organisierten Gruppen der Ostkurve nicht vor Ort sein. Den Samstag will die aktive Fanszene dennoch gemeinsam verbringen. Eine Alternativveranstaltung hatte sie bereits mit ihrem Boykottaufruf angekündigt. Nach Informationen von KURVENHELDEN sind die Planungen dafür inzwischen abgeschlossen. Details sollen jedoch der öffentlichen Kommunikation der Fanszene vorbehalten bleiben.
Die Folgen der Ausschreitungen vom April
Hinter dem Boykott steht die Eskalation beim letzten Aufeinandertreffen am 4. April.
Nach den Feststellungen des DFB gelangten während der Partie Personen aus beiden Fanlagern in den Innenraum. Mindestens 77 Dresdner Anhänger liefen aus dem Bereich des K-Blocks über den Rasen in Richtung des Gästeblocks. Bengalische Feuer und Feuerwerksraketen wurden in Richtung Berliner Anhänger geschossen; teilweise landeten die pyrotechnischen Gegenstände im Gästeblock oder blieben im Fangnetz hängen.
Dynamo selbst hatte unmittelbar nach der Partie erklärt, dass Personen aus beiden Fangruppierungen in den Innenraum gelangt seien und Pyrotechnik als Wurfgeschoss eingesetzt worden sei. (📎 DFB: Urteil zu Dynamo Dresden und Hertha BSC) (📎 Dynamo Dresden: „Massiver Schaden für den Verein“)
Vorausgegangen war der Verlust eines Teils einer Zaunfahne vom Förderkreis Ostkurve e.V., die anschließend im K-Block präsentiert und verbrannt wurde. Die Polizei richtete anschließend die gemeinsame Ermittlungsgruppe „Fahne“ ein. 14 Beamte der Polizeidirektion Dresden arbeiteten dabei mit Unterstützung der Berliner Polizei an der Aufarbeitung der Vorfälle. (📎 Polizeidirektion Dresden: Ermittlungsgruppe „Fahne“)
Auch Dynamo begann eine eigene Aufarbeitung mit Verbänden, Polizei, Sicherheitsträgern, Fanszene, Fanprojekt, Hertha BSC, Innenministerium und Stadt Dresden. (📎 Dynamo Dresden: Aufarbeitung der Vorfälle gegen Berlin)
Halbierter Gästeblock und personalisierte Tickets
Das DFB-Sportgericht belegte Hertha mit einer Geldstrafe von 152.000 Euro. Dynamo erhielt eine Geldstrafe von 91.200 Euro und einen Zuschauerteilausschluss.
Zusätzlich müssen beide Vereine für ihre nächsten beiden direkten Begegnungen ein gemeinsames Sicherheitskonzept umsetzen. Der jeweilige Gastverein darf nur noch 50 Prozent des zulässigen Gästekontingents abrufen. Die Eintrittskarten müssen personalisiert werden, zudem muss der Gastverein mindestens 30 eigene qualifizierte Ordner einsetzen. (📎 DFB: Geldstrafen, Zuschauerausschluss und Auflagen)
Der DFB begründet die Maßnahmen mit der Sicherheit. DFB-Vizepräsident Thomas Bergmann sprach von einem „Gewaltexzess“ und erklärte, niedrigschwellige Maßnahmen und die Selbstregulierung der Fanszenen hätten nicht gegriffen. Die Ostkurve kommt zu einer gegenteiligen Bewertung. Sie betrachtet die Maßnahmen als Kollektivstrafe und warnt ausdrücklich davor, dass dieses Vorgehen „Schule machen“ könne. Genau daraus entsteht der Boykott.
Auch Dynamo bezeichnete die K-Block-Sperre als Kollektivstrafe
Bemerkenswert ist, dass die Kritik an Kollektivstrafen keineswegs nur aus Berlin kommt.
Dynamo wehrte sich gegen den vom DFB verhängten Teilausschluss des eigenen K-Blocks. Zunächst scheiterte der Verein mit seinem Einspruch vor dem DFB-Sportgericht, anschließend bestätigte auch das DFB-Bundesgericht die Sanktion. Der K-Block musste beim Heimspiel gegen Darmstadt geschlossen bleiben; eine weitere Sperre wurde zur Bewährung ausgesetzt. (📎 DFB-Bundesgericht: Urteil gegen Dynamo Dresden)
Dynamo hatte die Sperrung der kompletten Heimkurve selbst als Kollektivstrafe kritisiert.
Auf Berliner Seite führt das nun zum vollständigen Rückzug der organisierten Fanszene aus dem Gästeblock.

Hertha-Geschäftsführer zeigt Verständnis für den Boykott
Unterstützung für die grundsätzliche Kritik kommt inzwischen sogar aus der Hertha-Geschäftsführung. Peter Görlich äußerte vor dem Spiel Verständnis für den Boykott und stellte die Wirksamkeit von Kollektivstrafen infrage. Zugleich bedauerte er, dass Hertha in Dresden auf den organisierten Support verzichten muss. Süddeutsche.de
Damit entsteht eine ungewöhnliche Konstellation: Der Verein setzt die vom DFB vorgeschriebenen Maßnahmen um und verkauft personalisierte Eintrittskarten – während seine eigene Geschäftsführung Verständnis dafür äußert, dass die aktive Fanszene diese Bedingungen ablehnt.
Bis zu 700 Hertha-Fans könnten nach Babelsberg fahren
Während die aktive Fanszene das Zweitliga-Spiel in Dresden boykottiert, spielt Hertha BSC II am selben Tag beim SV Babelsberg 03. Nach dpa-Informationen werden dort bis zu 700 Hertha-Anhänger erwartet. Das wäre für die U23 eine außergewöhnliche Größenordnung: In der vergangenen Regionalliga-Saison lag ihr größter Auswärtsanhang bei lediglich 150 Fans. (📎 Die falsche 9: Zuschauer und Auswärtsfahrer der Regionalliga Nordost)
Zur Ersatzveranstaltung der aktiven Hertha-Fanszene wird die Partie allerdings nicht. Nach Informationen von KURVENHELDEN planen die organisierten Gruppen der Ostkurve nicht, stattdessen nach Babelsberg zu fahren. Die möglicherweise deutlich erhöhte Zahl an Hertha-Fans in Babelsberg ist davon zu unterscheiden.
Eine zusätzliche Besonderheit bekommt das Spiel durch die Gastgeber: Für die aktive Fanszene des SV Babelsberg 03 soll es das letzte Heimspiel in der traditionsreichen Nordkurve sein, bevor sie im Oktober in den Ostblock umzieht (wir berichteten).

Dynamo schließt zusätzliche Heimbereiche
Auch auf Dresdner Seite bleibt das Urteil am Samstag sichtbar. Dynamo verkauft Eintrittskarten für die Begegnung ausschließlich an Vereinsmitglieder. Gleichzeitig wird der Pufferbereich rund um den Gästeblock erheblich vergrößert. Im Heimbereich bleiben deshalb die Blöcke R4, R5 und T sowie ein Großteil der A-Blöcke geschlossen. (📎 Dynamo Dresden: Vorverkauf gegen Hertha BSC)
Der K-Block selbst kann dagegen besetzt werden. Eine öffentliche Stellungnahme von Ultras Dynamo zum Boykott der Berliner Fanszene ist bislang nicht bekannt. Die organisierte Dresdner Fanszene dürfte das Spiel nach aktuellem Stand regulär begleiten.




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