St. Pauli Song Contest: Wer schreibt die neuen Hymne für das Millerntor?

Mehr als 4.000 Einsendungen, rund 400 neue Lieder und eine Debatte, die weit über Musik hinausgeht: Der FC St. Pauli sucht eine neue Stadionhymne. Nach dem Abschied von „Das Herz von St. Pauli“ entscheiden Mitglieder und Fans in mehreren Abstimmungsrunden über den künftigen Song vor dem Anpfiff. Doch warum musste die bisherige Hymne weichen? Was haben historische Recherchen über ihren Texter ergeben? Und welche Lieder könnten künftig das Millerntor zum Singen bringen?
Mehr als 4.000 Einsendungen für die neue St. Pauli-Hymne
Der FC St. Pauli steht vor einer ungewöhnlichen Entscheidung. Erstmals sucht der Verein mit einem öffentlichen Musikwettbewerb nach einer neuen Stadionhymne. Der am 22. September 2026 gestartete St. Pauli Song Contest (SPSC) hat eine bemerkenswerte Resonanz ausgelöst: Mehr als 4.000 Einsendungen gingen beim Verein ein. Darunter befanden sich rund 400 neue Lieder, die eigens für den Wettbewerb entstanden sind.
Wichtig ist dabei die Unterscheidung: Die mehr als 4.000 Einsendungen entsprechen nicht 4.000 verschiedenen Liedern. Viele bereits veröffentlichte Songs wurden mehrfach vorgeschlagen. Die Auswahl reicht von bekannten Musikern über Bands aus dem Umfeld des FC St. Pauli bis hin zu bislang unbekannten Künstlern, die eigens für den Wettbewerb komponiert haben. Auch internationale Hits wie „Diamonds“ von Rihanna oder „You'll Never Walk Alone“ von Gerry & The Pacemakers wurden vorgeschlagen.
Inzwischen ist die erste Abstimmungsphase beendet. Aus den eingereichten Liedern sollen 25 Kandidaten hervorgehen, die der Verein anschließend vertieft überprüft. Der Wettbewerb soll im November abgeschlossen werden. Danach wird feststehen, welches Lied künftig vor den Heimspielen des FC St. Pauli am Millerntor erklingt.
„Das Herz von St. Pauli“: Wie ein Schlager zur Stadionhymne wurde
Über rund zwei Jahrzehnte gehörte „Das Herz von St. Pauli“ fest zum Ablauf eines Heimspiels am Millerntor. Das Lied stammt aus den 1950er-Jahren. Der Text wurde von Josef Ollig geschrieben, die Musik komponierte Michael Jary. Bekannt wurde es insbesondere durch den Hamburger Schauspieler und Sänger Hans Albers, der das Lied 1957 im gleichnamigen Film sang.
Ursprünglich war „Das Herz von St. Pauli“ kein Fußballlied. Es beschrieb vielmehr die Verbundenheit mit dem Hamburger Stadtteil, seinem Hafen und dem Leben rund um die Elbe. Erst viele Jahrzehnte später entwickelte es sich zum festen Bestandteil der Fußballkultur am Millerntor.
In den 2000er-Jahren etablierte sich die rockigere Fassung von Phantastix & Elf als Stadionhymne. Sie wurde regelmäßig unmittelbar vor den Heimspielen gespielt und von großen Teilen des Stadions mitgesungen.
Die Verbindung aus dem bekannten Text, der eingängigen Melodie und dem gemeinsamen Gesang machte das Lied für viele Anhänger zu einem emotionalen Bestandteil des Stadionbesuchs. Gerade deshalb löste die Entscheidung, es nicht mehr abzuspielen, eine intensive Diskussion aus.
Josef Ollig: Was das FC St. Pauli-Museum herausgefunden hat
Ausgangspunkt der Debatte war eine historische Recherche des FC St. Pauli-Museums. Für die Podcastreihe „FCSP-Geschichte(n)“ beschäftigte sich das Museum mit der Entstehung von „Das Herz von St. Pauli“ und den Biografien der beteiligten Künstler. Besonders die Vergangenheit des Texters Josef Ollig warf Fragen auf.
Ollig war bereits vor der nationalsozialistischen Machtübernahme journalistisch für ein Medium tätig, das die NSDAP offen unterstützte. Während des Zweiten Weltkriegs wurde er zur Wehrmacht eingezogen und arbeitete als Kriegsberichterstatter. 1941 nahm er am deutschen Angriff auf die Sowjetunion teil. Als Angehöriger eines Flak-Korps war er unter anderem an Kriegsschauplätzen bei Kiew und Moskau eingesetzt.
Seine journalistischen Veröffentlichungen dienten dabei nicht lediglich der neutralen Dokumentation des Kriegsgeschehens. Die späteren Untersuchungen des FC St. Pauli-Museums zeigen, dass Ollig mit seinen Texten zur nationalsozialistischen Kriegspropaganda beitrug. Im Juni 2025 veröffentlichte der Verein ein wissenschaftliches Gutachten, das die berufliche Tätigkeit Olligs vor, während und nach der NS-Zeit untersuchte.
Die Untersuchung unterscheidet zwischen der Frage nach Olligs persönlichen Überzeugungen und seinen nachweisbaren Handlungen. Ob er die nationalsozialistische Ideologie vollständig teilte oder vor allem aus Opportunismus handelte, lässt sich nach Einschätzung der Untersuchung nicht abschließend beurteilen. Sein aktiver Beitrag zur Unterstützung und Aufrechterhaltung des NS-Regimes ist dagegen dokumentiert.
Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte Ollig seine Tätigkeit als Journalist und Liedtexter fort. Eine öffentliche Auseinandersetzung mit seiner Verantwortung als Kriegsberichterstatter ist bis zu seinem Tod 1982 nicht belegt. Das Museum betonte von Beginn an, dass es nicht selbst darüber entscheiden wolle, welche Musik am Millerntor gespielt wird. Seine Aufgabe sei es, historische Zusammenhänge zu erforschen und die Ergebnisse öffentlich zugänglich zu machen.
Warum der FC St. Pauli das Lied aus dem Stadion nahm
Im Februar 2025 veröffentlichte das Museum seine ersten Erkenntnisse. Kurz darauf entschied der FC St. Pauli, „Das Herz von St. Pauli“ vorerst nicht mehr vor Heimspielen abzuspielen.
Die Entscheidung wurde innerhalb der Anhängerschaft kontrovers diskutiert.
Ein Teil der Fans begrüßte den Schritt. Für sie war es nicht mehr vorstellbar, gemeinsam einen Liedtext zu singen, dessen Verfasser nachweislich an nationalsozialistischer Propaganda mitgewirkt hatte.
Andere Anhänger kritisierten die Entscheidung. Sie verwiesen darauf, dass das Lied selbst keine nationalsozialistischen Inhalte enthalte und über viele Jahre eine eigenständige Bedeutung für die Fankultur entwickelt habe. Die Diskussion drehte sich damit auch um die Frage, in welchem Verhältnis ein künstlerisches Werk zur Biografie seines Urhebers steht.
Im Juli 2025 fand eine öffentliche Diskussionsveranstaltung im Millerntor-Stadion statt, bei der verschiedene Positionen zur Zukunft der Hymne ausgetauscht wurden.
Im September 2026 machte der Verein schließlich deutlich, dass „Das Herz von St. Pauli“ nicht ins Stadionprogramm zurückkehren wird. Auch eine Coverversion mit verändertem Text wurde als Möglichkeit ausgeschlossen. Aus Sicht des Vereins würde dies die anhaltende Kontroverse nicht beenden. Damit war der Weg für die Suche nach einer vollständig neuen Stadionhymne frei.
Schon einmal wurde am Millerntor wegen der NS-Vergangenheit ein Name gestrichen
Die Auseinandersetzung um Josef Ollig erinnert an eine frühere Debatte beim FC St. Pauli. Von 1969 bis 1999 trug die Spielstätte offiziell den Namen Wilhelm-Koch-Stadion.
Namensgeber war der langjährige Vereinspräsident Wilhelm Koch, der den FC St. Pauli über mehrere Jahrzehnte geführt hatte. Koch war 1937 in die NSDAP eingetreten. Als seine Parteimitgliedschaft in den 1990er-Jahren öffentlich stärker thematisiert wurde, entwickelte sich eine intensive Diskussion um den Stadionnamen.
Der Historiker Frank Bajohr untersuchte Kochs Vergangenheit. Dabei ergaben sich keine ausreichenden Belege dafür, dass Koch von der sogenannten Arisierung jüdischer Unternehmen profitiert hatte. Seine NSDAP-Mitgliedschaft war jedoch eindeutig nachgewiesen. Für zahlreiche Mitglieder und Anhänger war bereits diese Parteizugehörigkeit nicht mit der Ehrung durch einen Stadionnamen vereinbar.
1998 stimmte die Mitgliederversammlung schließlich für die Rückbenennung.
133 Mitglieder votierten dafür, 72 dagegen, 20 enthielten sich. Nach der Abstimmung traten mehrere Aufsichtsratsmitglieder aus Protest zurück. Seit der Saison 1999/2000 trägt das Stadion wieder den Namen Millerntor-Stadion.
Die damalige Entscheidung zeigt, dass die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte beim FC St. Pauli nicht erst mit Josef Ollig begonnen hat. Zugleich unterscheiden sich die beiden Fälle: Wilhelm Koch war ehemaliger Vereinspräsident und direkter Namensgeber der Spielstätte. Josef Ollig schrieb einen Liedtext, der erst Jahrzehnte nach seiner Entstehung zur Stadionhymne wurde.
Beide Diskussionen berühren jedoch dieselbe grundsätzliche Frage: Welche Bedeutung hat die Biografie einer Person, wenn ihr Werk oder ihr Name im öffentlichen Vereinsleben eine herausgehobene Rolle erhält?
Die Anhänger wollen wieder gemeinsam singen
Nach der Entscheidung gegen „Das Herz von St. Pauli“ blieb zunächst offen, wie die musikalische Einstimmung auf Heimspiele künftig aussehen sollte. Zeitweise setzte der Verein auf „Das hier ist Fußball“ von Thees Uhlmann. Auch „Diamonds“ von Rihanna erhielt einen Platz im Stadionprogramm. Im Frühjahr 2026 kündigte der FC St. Pauli schließlich eine größere Beteiligung der Anhängerschaft an.
Eine anschließende Stadionumfrage verdeutlichte den Wunsch nach einem neuen gemeinsamen Lied. Nach Vereinsangaben beteiligten sich mehr als 10.000 Menschen. Rund 86 Prozent sprachen sich dafür aus, künftig wieder eine feste Stadionhymne zu haben.
Der St. Pauli Song Contest soll diesen Wunsch nun erfüllen.
Dabei geht es nicht allein darum, ein musikalisch beliebtes Lied zu finden. Der neue Song muss auch zur besonderen Atmosphäre des Millerntors passen und möglichst viele Menschen zum gemeinsamen Singen bewegen.

ZSK: „Ich liebe dich, FC St. Pauli“
Zu den besonders interessanten neuen Beiträgen gehört „Ich liebe dich, FC St. Pauli“ von ZSK. Die Punkrockband hat das Lied gemeinsam mit Jule von den Harbour Rebels aufgenommen. Der Refrain greift die Melodie von „Diamonds“ von Rihanna auf. Diese ist am Millerntor bereits seit längerer Zeit bekannt. Schon vor der Entstehung des neuen Liedes sangen Anhänger des FC St. Pauli zur Melodie des Rihanna-Hits ihre eigene Liebeserklärung an den Verein.
ZSK greifen damit eine musikalische Verbindung auf, die im Stadion bereits existiert.
Das könnte dem Lied einen Vorteil verschaffen: Der Refrain müsste nicht erst vollständig neu erlernt werden, sondern knüpft an einen bekannten Gesang an. Die Band stellte eine erste Version bereits im September bei einem Auftritt im Umfeld des FC St. Pauli vor. Ob die Kombination aus Punkrock und bekanntem Stadiongesang auch bei den Abstimmungen überzeugt, bleibt abzuwarten.
Marlo Grosshardt: „Da, wo die Elbe fließt“
Ein weiterer viel beachteter Beitrag stammt von Marlo Grosshardt. Der Hamburger Singer-Songwriter präsentierte im Oktober erste Ausschnitte seines Liedes „Da, wo die Elbe fließt“. Anders als der punkrockorientierte Beitrag von ZSK setzt Grosshardt auf eine emotionalere musikalische Annäherung an den FC St. Pauli. Der Song greift die Verbindung zwischen Verein, Stadtteil und Elbe auf.
Damit knüpft er thematisch an Motive an, die bereits „Das Herz von St. Pauli“ geprägt haben, ohne dessen Text oder Melodie zu übernehmen. Auch der MillernTon hob den Beitrag in seiner Berichterstattung als eine der interessanten neuen Einsendungen hervor. Ob das Lied die notwendige Mischung aus Emotionalität, Wiedererkennungswert und gemeinsamer Singbarkeit bietet, wird sich im weiteren Wettbewerb zeigen.
Thees Uhlmann: „Das hier ist Fußball“
Im Gegensatz zu den eigens für den Wettbewerb entstandenen Liedern gehört „Das hier ist Fußball“ von Thees Uhlmann bereits seit Jahren zum musikalischen Umfeld des FC St. Pauli. Der Song wurde wiederholt am Millerntor gespielt und ist vielen Anhängern vertraut.
Uhlmann selbst ist seit Langem eng mit dem Verein verbunden. Auch deshalb wird sein Lied regelmäßig als möglicher Nachfolger für „Das Herz von St. Pauli“ genannt. Ein Vorteil liegt in seiner Bekanntheit: Der Song müsste nicht erst in der Fanszene etabliert werden.
Allerdings stellt sich auch hier die Frage, ob ein bereits vertrautes Lied automatisch die geeignete Stadionhymne ist.
Denn nicht jeder Song, der bei Fußballfans beliebt ist, eignet sich gleichermaßen für einen gemeinsamen Gesang unmittelbar vor dem Anpfiff.
Welche Songs haben die besten Chancen?
Eine offizielle Favoritenliste des Vereins gibt es nicht. Die drei genannten Titel bringen allerdings unterschiedliche Voraussetzungen mit. ZSK verbinden einen neuen Song mit einer Melodie, die bereits im Stadion gesungen wurde.
Marlo Grosshardt setzt auf eine eigens für den FC St. Pauli geschaffene musikalische Liebeserklärung. Thees Uhlmann verfügt mit „Das hier ist Fußball“ über einen bereits etablierten Song, der seit Jahren zum musikalischen Umfeld des Vereins gehört.
Hinzu kommen zahlreiche weitere Einsendungen, darunter bekannte Lieder und neue Kompositionen aus der Fanszene. Auch der MillernTon hat sich ausführlich mit den Beiträgen beschäftigt und Ende Oktober eine Auswahl von 40 Hörtipps veröffentlicht.
Dass ein Lied häufig vorgeschlagen wurde oder medial viel Aufmerksamkeit erhält, bedeutet allerdings nicht automatisch, dass es den Wettbewerb gewinnen wird. Erst die Abstimmungen und die anschließenden Prüfungen werden zeigen, welche Kandidaten tatsächlich bis ins Finale gelangen.
Diskussionen auch über die beteiligten Künstler
Die Suche nach einer neuen Stadionhymne wird nicht ausschließlich musikalisch diskutiert.
In Teilen der Anhängerschaft geht es auch um die Frage, welche Künstler und Bands den FC St. Pauli künftig repräsentieren sollen. Der St.-Pauli-Blog Magischer FC hat sich kritisch mit der Auswahl möglicher Interpreten auseinandergesetzt. Dabei spielen auch Kontroversen um Personen aus deren künstlerischem Umfeld eine Rolle.
Solche Debatten zeigen, wie schwierig die Suche nach einem Lied werden kann, das von möglichst vielen Anhängern akzeptiert wird. Für den Wettbewerb selbst hat der FC St. Pauli eine Überprüfung der verbliebenen Beiträge angekündigt. Dabei sollen unter anderem rechtliche, historische beziehungsweise biografische sowie inhaltliche Aspekte berücksichtigt werden.
So läuft die Abstimmung beim St. Pauli Song Contest
Die erste Abstimmungsrunde wurde am 30. Oktober eröffnet und nach einer weiteren Anpassung bis zum 4. November verlängert. Die Teilnahme erfolgt über persönliche Abstimmungslinks. Stimmberechtigte konnten in der ersten Runde drei Lieder auswählen.
Aus dem ersten Voting gehen 25 Beiträge hervor. Diese werden vom 2. bis zum 12. November hinsichtlich ihrer Rechte, Herkunft und Texte überprüft.
Anschließend ist die zweite Abstimmungsrunde vom 13. bis zum 15. November vorgesehen. Aus den verbliebenen Kandidaten werden fünf Finalisten bestimmt.
Das Finale soll am 20. und 21. November stattfinden.
Ab dem 23. November will der Verein das Gewinnerlied bekanntgeben. Für das Finale ist ein Abstimmungsverfahren vorgesehen, bei dem die Teilnehmenden ihre Präferenzen differenzierter ausdrücken können. Damit soll möglichst ein Lied gefunden werden, das nicht nur eine besonders engagierte Unterstützergruppe hinter sich versammelt, sondern eine breite Akzeptanz erreicht.

Ein neues Kapitel für die Stadionkultur am Millerntor
Die Suche nach einer neuen Stadionhymne ist für den FC St. Pauli zu einem außergewöhnlichen Beteiligungsprojekt geworden. Mehr als 4.000 Einsendungen und rund 400 eigens entstandene Lieder zeigen, wie intensiv sich die Anhängerschaft mit dem musikalischen Auftritt ihres Vereins beschäftigt. Gleichzeitig steht hinter dem Wettbewerb eine historische Debatte, die bereits im Februar 2025 begann.
Die Recherchen des FC St. Pauli-Museums haben dazu geführt, dass ein über Jahrzehnte beliebtes Lied nicht länger zum festen Stadionprogramm gehört. Nun soll ein neuer Song gefunden werden, der die besondere Verbindung zwischen Verein, Stadtteil und Anhängerschaft ausdrückt.
Welches Lied künftig vor den Heimspielen am Millerntor erklingt, wird sich voraussichtlich Ende November entscheiden.
Links und Quellen zum Thema St. Pauli Song Contest
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Wilhelm Koch und Stadionumbenennung |




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