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10 Jahre Castaways Ultras: Wie sich die Ultràszene des HSV neu erfand

22. Sept.
8 Min. Lesezeit
Blockfahne 10 Jahre Castaways Ultras im Volksparkstadion
Foto: @foto_matze

Zehn Jahre Castaways Ultras sind auch zehn Jahre Neuordnung auf der Nordtribüne des HSV. Entstanden in einer Phase, in der sich die Ultràszene des Hamburger Sport-Vereins nach dem Rückzug und der Auflösung der Chosen Few neu sortieren musste, entwickelten sich die Castaways innerhalb weniger Jahre zu einer der prägenden Gruppen der aktiven Fanszene. Zum zehnten Geburtstag blickte die Nordtribüne mit einer großen Choreo auf diese Geschichte zurück.


Bereits beim Heimspiel gegen Mainz Anfang September gratulierten zahlreiche Gruppen und Fanclubs den Castaways. Die Botschaften griffen immer wieder die maritime Bildsprache auf, die die Gruppe seit ihrer Gründung begleitet. „Gestrandet doch niemals untergegangen“, „Schiffbruch überstanden – Kompass nie verloren“ oder „10 Jahre sturmerprobt – kein Wind ändert euren Kurs!“ waren nur einige davon. Auch die Bedeutung, die sich die Gruppe innerhalb eines Jahrzehnts erarbeitet hat, wurde thematisiert: „Vor 10 Jahren frischen Wind gebracht – seitdem die Kurve stark gemacht! Alles Gute CA“, hieß es auf einem weiteren Spruchband (Fotos: @puelle040)



Die eigentliche Jubiläumschoreo folgte gegen den 1. FC Köln. Eine riesige runde Blockfahne bedeckte weite Teile der Nordtribüne. Außen stand „ULTRAS ZWEITAUSENDSECHZEHN“. Im nächsten Ring folgte der Satz: „Das, was uns verbindet, ist das, was uns vereint. Das, was uns unterscheidet, macht uns so stark.“ Darunter trug ein schwarzer Ring den Schriftzug „Castaways – Hamburger Sport-Verein“. Im schwarz-weißen Zentrum standen die Begriffe „Ebbe“ und „Flut“. Die Choreo führte damit unmittelbar zur Identität der Gruppe zurück und zu einer Geschichte, die ohne die Umbrüche der Hamburger Ultràszene in den Jahren zuvor kaum zu verstehen ist.


Blockfahne Castaways Ultras HSV
Foto: @foto_matze

Bevor es beim HSV die Castaways Ultras gab: Poptown und Chosen Few


Über viele Jahre wurde die Ultràszene des HSV insbesondere durch zwei Gruppen geprägt. Poptown Hamburg entstand 1998, ein Jahr später folgten die Chosen Few Hamburg 1999.

Poptown begann nach eigener Darstellung mit gerade einmal drei Personen und entwickelte sich in den folgenden Jahren zu einer der prägenden Gruppen der Nordtribüne. PT98 verstand sich als Zusammenschluss von Aktivisten, der den HSV mit Kreativität, Leidenschaft und Durchhaltevermögen optisch wie akustisch unterstützen wollte. Choreografien wurden selbst organisiert und finanziert. Auch innerhalb der Gruppe war Eigeninitiative ein wichtiger Grundsatz: Wer sich stärker einbrachte, sollte entsprechend mehr mitentscheiden und bewegen können. (📎 Poptown Hamburg: historische Selbstvorstellung)


Mit „Freiheit – Autonomie – Unabhängigkeit“ brachte Poptown einen Teil seines Selbstverständnisses auch auf einer eigenen Zaunfahne zum Ausdruck. Über weite Teile seiner Geschichte lag der Standort der Gruppe im A-Rang der Nordtribüne rund um Block 25A direkt hinter dem Tor. Zwischenzeitlich wechselte PT98 innerhalb der Nordtribüne allerdings auch den Standort. (📎 Poptown Hamburg)


Auch CFHH verstand sich nicht ausschließlich als Supportgruppe. Zu den selbst formulierten Zielen gehörten die Stärkung des Zusammenhalts innerhalb der HSV-Fanszene, eine möglichst lautstarke Unterstützung mit der Nordtribüne als Herzstück, Widerstand gegen die zunehmende Kommerzialisierung des Fußballs sowie eine kritische Haltung zu vereins- und fanpolitischen Entwicklungen. Gleichzeitig wollte die Gruppe jüngere HSV-Fans an ihr Verständnis der Ultràkultur heranführen. Zeitweise gehörten rund 130 Mitglieder zu CFHH, etwa 60 davon wurden als aktiv bezeichnet. Organisiert wurde die Arbeit über mehr als 50 verschiedene Aufgabenbereiche. (📎 Chosen Few Hamburg: Selbstporträt der Gruppe)


Auch Name und Gruppensymbol waren bewusst gewählt. „Chosen Few“ – die „auserwählten Wenigen“ – bezog die Gruppe nach eigener Erklärung nicht nur auf ihre Mitglieder, sondern auf die gesamte HSV-Fanszene. Der Seemann als Gruppensymbol stand einerseits für Hamburg und seine Verbindung zur Seefahrt, andererseits für Freiheit. (📎 Chosen Few Hamburg: Selbstporträt der Gruppe)


Poptown und Chosen Few prägten damit dieselbe Fanszene, bildeten aber über lange Zeit zwei räumlich voneinander getrennte Zentren des organisierten Supports. Während PT98 im unteren Bereich der Nordtribüne zuhause war und zwischenzeitlich auch die Blöcke 23A und 28A nutzte, wechselte CFHH zur Saison 2005/06 aus 25A in den Oberrang nach Block 22C.


Auch das Verhältnis der beiden Gruppen verlief nicht immer konfliktfrei. Eine wissenschaftliche Untersuchung zur Entwicklung der HSV-Fankultur beschreibt seltene Annäherungen und einen Konkurrenzkampf zwischen PT98 und CFHH, der sich unter anderem in der Choreokultur zeigte. (📎 Fabian Krone: Untersuchung der Entwicklung von Fankulturen innerhalb eines Vereins anhand des Hamburger SV)


Einen tiefen Einschnitt in der Geschichte der Chosen Few gab es im November 2012. Beim Auswärtsspiel bei Fortuna Düsseldorf gerieten während einer Pyroaktion im Hamburger Gästeblock vier Fahnen in Brand. Auch die rund zwölf Jahre alte zentrale Zaunfahne der Chosen Few wurde zerstört, fünf HSV-Fans erlitten Verbrennungen. Der Verlust war innerhalb der Gruppe so gravierend, dass noch während des Spiels über die Konsequenzen diskutiert wurde. CFHH übernahm im weiteren Verlauf des Abends nicht mehr die Koordination des Supports, entschied sich aber dafür, als Gruppe weiterzumachen. (📎 Erfordia Ultras: Block 3 Nr. 143)



Düsseldorf war damit ein einschneidender Moment, aber nicht der Grund für das spätere Ende von CFHH. Die entscheidende Zäsur folgte 2014.


Ausgliederung verändert die HSV-Fanszene


Die Ausgliederung des Profifußballs in die HSV Fußball AG traf auf erheblichen Widerstand innerhalb der aktiven Fanszene. Für die Chosen Few kamen weitere Konflikte mit der Vereinsführung hinzu. Zum Ende der Saison 2013/14 kündigte die Gruppe schließlich an, die Profimannschaft in der folgenden Spielzeit nicht mehr organisiert zu unterstützen. (🔗 Faszination Fankurve)


CFHH verschwand damit als Gruppe aus dem sichtbaren Stadionbild. Fahnen, Choreos, Banner und organisierter akustischer Support entfielen. Einzelne Mitglieder besuchten weiterhin Spiele und standen auch weiterhin in 22C, die Gruppe selbst trat dort jedoch nicht mehr auf. Poptown entschied sich dagegen trotz eigener Kritik an der Ausgliederung für die Fortsetzung des organisierten Supports und übernahm eine wesentlich zentralere Rolle. (📎 HSV-Fanprojekt: Saisonbericht 2014/15)


2015 endete schließlich auch die Geschichte der Chosen Few selbst. Nach über 15 Jahren löste sich eine der bis dahin prägenden Ultràgruppen des HSV auf. Für die Hamburger Fanszene entstand damit nicht nur organisatorisch eine Lücke. Mit dem Wegfall von CFHH verlor auch Block 22C seine bisherige Funktion als zweiter großer Stimmungskern. Die Konzentration des organisierten Supports verlagerte sich stärker auf den unteren Bereich der Nordtribüne.


Die Ausgliederung verstärkte die Entfremdung. Das HSV-Fanprojekt sah darüber hinaus insbesondere im Umgang des Vereins mit seiner aktiven Fanszene und in der fehlenden Aufarbeitung der Konflikte rund um das Bayern-Spiel im Mai 2014 wesentliche Ursachen für die damalige Entwicklung. (📎 HSV-Fanprojekt: Saisonbericht 2014/15)



2016 entstehen die Castaways


Nach der Auflösung von CFHH begann sich bereits im Fanhaus eine neue Struktur zu formieren. Der zuvor von den Chosen Few genutzte Abendtermin wurde von aktiven HSV-Fans übernommen, die dort mit dem ausdrücklichen Ziel zusammenkamen, eine neue Ultràgruppe zu gründen. (📎 HSV-Fanprojekt: Saisonbericht 2015/16)


Eine bloße Nachfolgegruppe der Chosen Few waren die Castaways damit aber nicht. Vielmehr gehörten sie zu einer neuen Generation und Struktur der aktiven Fanszene, die sich nach den Umbrüchen der vorherigen Jahre formierte. Schon der Name passte zur Situation: Castaways – die Gestrandeten oder Schiffbrüchigen. Diese maritime Bildsprache sollte fortan immer wieder auftauchen und gehört bis heute zum Erscheinungsbild der Gruppe.


Der erste offizielle Auftritt erfolgte gleich zu Beginn der Saison. Beim DFB-Pokalspiel des HSV beim FSV Zwickau hing erstmals die eigene Castaways-Zaunfahne im Gästeblock. Die neue Gruppe wuchs schnell und etablierte sich innerhalb kurzer Zeit. Gemeinsam mit Poptown stand sie fortan im A-Rang der Nordtribüne. (📎 HSV-Fanprojekt: Saisonbericht 2016/17)


Auch außerhalb Hamburgs wurde die Entwicklung früh wahrgenommen. Bereits 2016 beschäftigten sich andere Ultras mit der neu entstandenen Gruppe und ihrer Verbindung zur vorherigen Hamburger Szene. (📎 The Unity: Blick über den Tellerrand 2016/17)


Mit der Clique du Nord folgt die nächste Gruppe


Schon ein Jahr später veränderte sich das Bild erneut. Im Sommer 2017 gründete sich die Clique du Nord. Ihre zentralen Mitglieder waren bereits zuvor in der aktiven HSV-Fanszene unterwegs und entschieden sich nun für einen eigenen Weg als Ultràgruppe. CDN bezog ebenfalls Block 25A und positionierte sich neben Poptown. Damit standen im unteren Bereich der Nordtribüne mit Poptown, Castaways und Clique du Nord drei Ultràgruppen. (📎 HSV-Fanprojekt: Saisonbericht 2017/18)


2019 löst sich Poptown auf


Im November 2018 feierte Poptown noch sein 20-jähriges Bestehen. Wenige Monate später war Schluss. In der Winterpause 2018/19 löste sich die 1998 gegründete Gruppe auf. Innerhalb von weniger als vier Jahren waren damit mit Chosen Few und Poptown die beiden Gruppen verschwunden, die die Hamburger Ultràszene über einen langen Zeitraum wesentlich geprägt hatten. (📎 HSV-Fanprojekt: Saisonbericht 2018/19)


Für die noch jungen Castaways und die Clique du Nord änderte sich dadurch ihre Rolle grundlegend. Beide Gruppen teilten sich fortan den von Poptown hinterlassenen Mittelblock 25A und übernahmen gemeinsam die Koordination der Stimmung auf der Nordtribüne.


Insbesondere die Castaways übernahmen darüber hinaus weitere Verantwortung innerhalb der Fanszene. Sie führten Aufgaben rund um den damaligen Nordtribüne e.V. fort, vertraten die aktive Fanszene in Gesprächen und organisierten einen Nordtribünen-Stammtisch, bei dem Ultras und Vertreter etablierter Fanclubs miteinander ins Gespräch kamen. Der damalige Saisonbericht des HSV-Fanprojekts hielt bereits fest, dass sich die Castaways darum bemühten, unterschiedliche Teile der aktiven Fanszene und etablierte Fanclubs näher zusammenzubringen. (📎 HSV-Fanprojekt: Saisonbericht 2018/19)


Rund um Castaways und CDN wächst eine neue Struktur


Mit der Auflösung von Poptown war die Entwicklung der Nordtribüne nicht abgeschlossen. Während Castaways und Clique du Nord zunehmend die Rolle der beiden zentralen Ultràgruppen einnahmen, bestand die aktive Fanszene weiterhin aus deutlich mehr Zusammenhängen.


Einige davon reichen weiter zurück als die Castaways selbst. Hamburg Süd wurde 2010 gegründet. Auch die Sektion Schleswig-Holstein ist bereits seit Anfang der 2010er-Jahre in der organisierten HSV-Fanszene dokumentiert. Andere Gruppen kamen während der folgenden Jahre hinzu. Dazu gehört Forza Hamburg, das sich 2019 gründete. Daneben etablierten sich unter anderem Banda Caotica, Hamburg-Ost, Iron Loyalty und die Vorstadtbande als Teile der aktiven Fanszene. (📎 Schwabensturm: Hamburger Fanszene 2026; 📎 Forza Hamburg: Über die Gruppe)


Wie eng diese unterschiedlichen Zusammenhänge inzwischen miteinander organisiert waren, zeigte sich spätestens 2021. Eine gemeinsame Stellungnahme wurde damals neben Castaways und Clique du Nord auch von Hamburg-Ost, Sektion Schleswig-Holstein, Forza Hamburg, Banda Caotica, Iron Loyalty, Turn Up, Nordhessen und Vorstadtbande getragen. Die Nordtribüne bestand damit längst nicht nur aus zwei großen Ultràgruppen, sondern aus einem breiteren Netzwerk aktiver Gruppen. (📎 Forza Hamburg: gemeinsame Stellungnahme der aktiven Fanszene)


Auch innerhalb der Castaways selbst entstand eine neue Generation. In der Saison 2022/23 wurde mit den Descendants eine Nachwuchsgruppe der Castaways ins Leben gerufen. Sie tritt mit eigenen Schwenkfahnen und Doppelhaltern auf, jedoch ohne eigene Zaunfahne. Aus einer Gruppe, die 2016 selbst Teil des Neuaufbaus der Hamburger Ultràszene gewesen war, war damit innerhalb von sechs Jahren eine Struktur geworden, die bereits den eigenen Nachwuchs organisierte. (📎 Schwabensturm: Hamburger Fanszene 2026)


Eine Gruppe wächst mit einer neuen Nordtribüne


Die ersten zehn Jahre der Castaways fallen damit in eine außergewöhnliche Phase der HSV-Geschichte. Zwei Jahre nach ihrer Gründung stieg der Verein 2018 erstmals aus der Bundesliga ab. Es folgten sieben Jahre in der 2. Bundesliga – und gleichzeitig entwickelte sich auf der Nordtribüne eine neue Generation aktiver Fans. Castaways und Clique du Nord wurden zu zentralen Ultràgruppen. Daneben entstanden und entwickelten sich weitere Gruppen und Freundeskreise. Auch innerhalb der Castaways wuchsen neue Strukturen heran.


Dabei blieb die Nordtribüne nie statisch. Standorte veränderten sich, neue Gruppen kamen hinzu, andere verschwanden und Aufgaben wurden innerhalb der Szene neu verteilt. Was 2016 noch eine neue Gruppe mit ihrer ersten Zaunfahne im Gästeblock von Zwickau war, gehörte wenige Jahre später zu den Strukturen, die diese Entwicklung selbst mitgestalteten.


Zehn Jahre später verändert sich die Nordtribüne erneut


Passend zum Jubiläumsjahr hat sich auch das sichtbare Erscheinungsbild der Nordtribüne zur Saison 2026/27 erneut verändert. Der aktive Bereich soll sich stärker in die Breite entwickeln. Castaways und Clique du Nord bleiben im zentralen Bereich der Nordtribüne, während unter anderem Forza Hamburg und Banda Caotica durch veränderte Standorte und zusätzliche Vorsängerpositionen stärker in die Verteilung des Supports über die Tribüne eingebunden werden. Auch die Castaways haben ihren Auftritt verändert. Die Möwe bleibt das zentrale Motiv ihrer Zaunfahne. Wo zuvor „CASTAWAYS“ zu lesen war, steht nun links und rechts des Motivs „ULT – RAS“. (📎 Kurvenhelden: Neue Zaunfahnen und Aufteilung der Nordtribüne)


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