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„Kompassmodell jetzt!“: Der Druck der Fanszenen zeigt Wirkung – DFB stellt Regionalliga-Reform zur Abstimmung

vor 5 Tagen
5 Min. Lesezeit
VfL Bochum Ostkurve
Ostkurve Bochum fordert: Kompassmodell jetzt! Foto: @next.geier.kurvenfeuer

Seit Monaten hängt die Forderung in den deutschen Fankurven: „Meister müssen aufsteigen“. Dazu kommt immer wieder die unmissverständliche Forderung „Kompassmodell jetzt!“. Fanszenen von der Bundesliga bis in die Regionalligen haben den Protest gegen die aktuelle Aufstiegsregelung auf die Tribünen getragen. Nun könnte aus der Forderung tatsächlich Realität werden: Der DFB bereitet für den 18. Dezember 2026 einen Außerordentlichen Bundestag vor. Grundlage der Anträge zur Regionalliga-Reform soll ausgerechnet das von zahlreichen Fanszenen unterstützte Kompassmodell sein. (📎 DFB)


Das DFB-Präsidium beauftragte Generalsekretär Holger Blask mit den Vorbereitungen. Vorgesehen sind künftig vier statt fünf Regionalligen mit jeweils 20 Mannschaften. Die Staffeln sollen vor jeder Saison nach geografischen Gesichtspunkten neu zusammengestellt werden. Entscheidend für die seit Jahren geführte Debatte: Bei vier Regionalligen könnten alle vier Meister direkt in die 3. Liga aufsteigen. Die Saison 2027/28 soll als Qualifikationssaison dienen, ab 2028/29 würde die neue Struktur gelten. Gleichzeitig soll der DFB die Trägerschaft der vier Regionalligen übernehmen.


Südkurve Köln
Südkurve Köln fordert: Kompassmodell jetzt! Foto: @stadiontouristen

Fans und Ultras fordern seit Monaten: „Kompassmodell jetzt!“


Dass der DFB nun ausgerechnet das Kompassmodell zur Grundlage der Entscheidung machen will, ist auch aus Sicht der Fankultur bemerkenswert. Die Forderung nach einer Reform ist längst nicht mehr auf unmittelbar betroffene Regionalligisten begrenzt. In zahlreichen Stadien beteiligten sich Fans und Ultras mit Spruchbändern und weiteren Aktionen.


Die Schalker Ultras beschrieben das Kompassmodell bereits im Frühjahr als den „von den allermeisten Fanszenen befürworteten“ Vorschlag. Auch die Ultras Gelsenkirchen beteiligten sich nach eigener Darstellung mit Spruchbändern an der Kampagne „Meister müssen aufsteigen“. (📎 Ultras Gelsenkirchen)


Beim DFB-Pokalfinale zwischen Bayern München und dem VfB Stuttgart im Mai erreichte die Forderung sogar die große Bühne in Berlin. Die Südkurve München zeigte ein großes „Kompassmodell jetzt!“-Spruchband. Bereits zuvor waren entsprechende Aktionen quer durch die Ligen zu sehen. Beim Spiel des MSV Duisburg gegen 1860 München lautete die Botschaft beispielsweise: „Vier Himmelsrichtungen, doch nur ein Ziel: Kompassmodell jetzt!“


Besonders deutlich wurde die Unterstützung in Würzburg. Beim Regionalligaspiel der Würzburger Kickers gegen Bayern München II positionierten sich beide Fanlager gemeinsam. Entlang der Banden waren unter anderem „Meister müssen aufsteigen“ und „Kompass-Modell jetzt!“ zu lesen. Aus dem Münchner Block flogen kleine Kompasse auf den Rasen, die Partie wurde kurz unterbrochen. Main-Post


Auch im Nordosten sind die Aktionen seit Monaten allgegenwärtig. Beim Spiel zwischen Babelsberg 03 und Carl Zeiss Jena demonstrierten Fans beider Seiten gemeinsam für die Aufstiegsreform. In Chemnitz war „Meister müssen aufsteigen“ ebenso zu sehen wie bei Lok Leipzig, dessen Fanszene die Forderung mit einer Choreografie ins Stadion brachte. Imago Images


Mehr als 40 Fanszenen erhöhten nach gescheiterter Reform den Druck


Dabei war eine Lösung im Sommer eigentlich schon wieder in weite Ferne gerückt. Eine Arbeitsgruppe hatte zuvor verschiedene Reformvarianten entwickelt. Im Zentrum stand das Kompassmodell: Die Zahl der Regionalligen sollte von fünf auf vier sinken, die Vereine geografisch möglichst sinnvoll verteilt werden.


Kurz vor der Abstimmung im Juni änderten die Regionalverbände allerdings zentrale Rahmenbedingungen. Aus den vorgesehenen 20 Mannschaften pro Staffel sollten zunächst 18 werden. Zudem war nicht mehr eine bundesweite Mehrheit entscheidend; faktisch konnte eine einzelne Region die Reform verhindern. Das Bündnis der Fanszenen Deutschlands rief daraufhin zum Boykott der Abstimmung auf. Auch Hansa Rostock verweigerte seine Teilnahme.


Das Ergebnis bestätigte die Befürchtungen: Zwar gewann das Kompassmodell bundesweit die meisten Stimmen und erreichte im Nordosten 76,3 Prozent, im Norden 61,5 Prozent und im Westen 60,9 Prozent Zustimmung. Im Südwesten votierten jedoch 93,1 Prozent für das Regionenmodell, während sich in Bayern 52,4 Prozent für die Ausarbeitung weiterer Modelle aussprachen. Damit war der Reformprozess zunächst gescheitert. (📎 Bayerischer Fußball-Verband)


Hertha BSC Fans
Fans von Hertha BSC in Braunschweig fordern: Kompassmodell jetzt! Foto: @faultier381

Die Reaktion aus den Kurven folgte wenige Wochen später. Mehr als 40 Fanszenen veröffentlichten gemeinsam die Stellungnahme „Aufstiegsreform? Vereine & Fans betrogen!“. Darunter befanden sich Szenen aus allen Teilen Deutschlands und aus unterschiedlichen Spielklassen: unter anderem Ultras Lok Leipzig, Saalefront Ultras, Südkurve Chemnitz, Ultras SV Babelsberg 03, Fanszene Hansa Rostock, Block U aus Magdeburg, Wuhlesyndikat, Südkurve Jena, Westkurve 1860 München, Nordkurve Nürnberg, Südkurve München, Fanszenen aus Würzburg und Siegen, die Fiffi-Gerritzen-Kurve aus Münster, die Ultrà-Szene von Eintracht Braunschweig, Violet Crew Osnabrück, Gruppen von Holstein Kiel und VfB Oldenburg sowie Szene Meppen und Virage Est Saarbrücken.


Die Fanszenen warfen den Regionalverbänden vor, zentrale Bestandteile des zuvor ausgehandelten Verfahrens kurzfristig verändert und damit die Geschlossenheit der Vereine beschädigt zu haben. Gleichzeitig kündigten sie an, den Protest in die Stadien zu tragen. Genau das ist seit Saisonbeginn vielerorts zu beobachten.


Regionalliga-Reform: DFB greift das Kompassmodell wieder auf


Anfang September kam schließlich Bewegung in die festgefahrene Situation. Zunächst berichteten unter anderem kicker und Bild, dass DFB-Präsident Bernd Neuendorf die Regionalliga-Reform zur Chefsache machen und das Kompassmodell durchsetzen wolle. Wenige Tage später bestätigte der Verband die Richtung offiziell.


Neuendorf begründet den Schritt ausdrücklich mit der fehlenden sportlichen Nachvollziehbarkeit der bisherigen Regelung. Es sei für Vereine, Spieler und Fans kaum vermittelbar, dass fünf Meister ermittelt würden, aber nicht alle in die 3. Liga aufsteigen könnten. Zudem verweist der DFB darauf, dass das Kompassmodell bei den regionalen Abstimmungen bundesweit mit 50,6 Prozent insgesamt die meisten Stimmen erhalten habe.


Das bestehende System stammt in seiner heutigen Grundstruktur aus dem Jahr 2012. Derzeit besitzen lediglich die Meister der Regionalligen West und Südwest ein dauerhaftes direktes Aufstiegsrecht. Die Meister aus Nord, Nordost und Bayern teilen sich im Rotationsverfahren einen weiteren Direktaufstieg; die beiden übrigen Meister müssen den vierten Aufsteiger in Entscheidungsspielen ermitteln. Besonders drastisch zeigte sich die Problematik zuletzt bei Lok Leipzig: Der Verein wurde seit 2020 dreimal Meister der Regionalliga Nordost und scheiterte dreimal in den anschließenden Aufstiegsspielen. Mit vier Regionalligen würde dieses Nadelöhr verschwinden: vier Meister, vier Aufsteiger.


„Meister müssen aufsteigen“: Entscheidung fällt am 18. Dezember


Beschlossen ist die Regionalliga-Reform trotzdem noch nicht. Das ist nach den Erfahrungen des vergangenen Sommers ein entscheidender Unterschied. Der DFB bereitet die Anträge auf Grundlage des Kompassmodells derzeit erst vor. Die verbindliche Entscheidung soll am 18. Dezember 2026 durch den Außerordentlichen DFB-Bundestag fallen.


Nordkurve Hannover
Nordkurve Hannover fordert: Meister müssen aufsteigen! Foto: @snepanovic

Für die Fanszenen wäre eine Zustimmung dennoch ein bemerkenswerter Erfolg einer monatelangen, ligaübergreifenden Kampagne. Aus einer Forderung, die zunächst vor allem aus den Regionalligen kam, ist längst ein gemeinsames Thema zahlreicher deutscher Kurven geworden. Selbst Fanszenen von Vereinen, die aktuell weit von der vierten Liga entfernt sind, beteiligten sich an den Aktionen.


Und der Protest geht weiter. Beim Drittligaspiel zwischen Viktoria Köln und Hansa Rostock am Freitag blieben die Spieler beider Mannschaften unmittelbar nach dem Anpfiff für 30 Sekunden stehen, um auf die weiterhin ungelöste Regionalliga-Reform aufmerksam zu machen. Im Rostocker Block wurde die Forderung erneut mit Protestplakaten unterstützt. DIE WELT


Der 18. Dezember könnte nun zum entscheidenden Datum einer Debatte werden, die den deutschen Fußball seit Jahren begleitet. Erst wenn die Delegierten zugestimmt haben, ist aus „Kompassmodell jetzt!“ tatsächlich eine neue Regionalliga-Struktur geworden.


Bis dahin bleibt die Botschaft aus den Kurven dieselbe: Meister müssen aufsteigen.

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